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Erste Hilfe in der „Dritten Welt“ - Einsatz in Tansania

Wie der Einsatz als Krankenpflegerin in Tansania die Perspektive nachhaltig veränderte.

Kerstin Angott, Krankenpflegerin der Station 3a am BGKH, reiste im November des letzten Jahres für zwei Wochen nach Puma. In dem afrikanischen Dorf, welches mitten im Zentrum Tansanias umgeben von großen Nationalparks liegt, betreute sie Patienten in der Mission "Queen of universe". Wie die medizinische Versorgung, selbst unter Wasser - und Stromknappheit, Sprachbarrieren und anderen Hindernissen gelang und wie die Arbeit dort Ihre Perspektive hier prägte, berichtete sie persönlich im Interview.

Die Mission "Queen of universe" in Puma. Fotos: Tobias Oechler

Fr. Angott, wie kam es zu der Entscheidung nach Tansania zu reisen und dort in einer Mission zu arbeiten?

Angott: Frau Dr. Mägerlein (Oberärztin der septischen Chirurgie) brachte mich auf diese Idee. Sie selbst ist bereits mehrmals im Rahmen von Hilfsprojekten der Organisation Interplast dort gewesen. Daher kannte ich die Arbeit und habe mich entschlossen, das Abenteuer ebenfalls zu wagen. So ging es dann im November 2018 von Hamburg mit dem Flugzeug nach Amsterdam und von dort 7.000 Kilometer weiter zum Kilimanjaro Airport. Etwas anstrengender war dann die folgende Autofahrt nach Puma, wo sich das örtliche Krankenhaus in Form einer Mission befindet. Für 380 Kilometer benötigten wir rund neun Stunden.

Können Sie uns das Krankenhaus näher beschreiben?

Angott: Die Mission dort kann man sich nicht als Krankenhaus, wie wir es in Deutschland kennen, vorstellen. In dem kleinen Haus mit etwa 60 Betten werden Patienten mit allen möglichen Erkrankungen behandelt. Eine richtige Spezialisierung gibt es nicht. Von Malaria bis HIV-Erkrankungen oder Unfallverletzungen werden alle möglichen Patienten betreut - die Behandlung muss allerdings jeder selbst zahlen.

Wer kein Geld für die Behandlung hat, kann also nicht versorgt werden?

Angott: Richtig, Ausnahme sind die von Hilfsorganisationen finanzierten Eingriffe. Das führt dazu, dass viele Menschen nicht die notwendige medizinische Versorgung erhalten. Ich habe erlebt, dass Personen mit Beschwerden in das Krankenhaus kamen, einen Termin erhielten aber dann nicht wiederkamen. Es fehlt einfach das Geld für die Behandlung. Ein Krankenversicherungssystem in der Form, wie wir es kennen oder gar eine Spezialversorgung für Unfallpatienten, gibt es dort nicht.

Pflegekräfte in Deutschland stehen vor vielen Herausforderungen, etwa der zunehmenden Dokumentation. Was waren für Sie dort die größten Herausforderungen bei Ihrer Arbeit?

Angott: Dinge wie die Dokumentation, welche dort übrigens noch komplett handschriftlich und in Büchern gemacht wurde, traten aufgrund des ständigen Mangels grundlegender Dingen in den Hintergrund. Bereits sauberes Wasser in Afrika zu bekommen ist nicht selbstverständlich. Der dortige Brunnen lieferte dies zum Glück aber Warmwasser gab es dann nicht einfach so aus dem Wasserhahn oder der Dusche. Daneben fehlte es teilweise an Strom, welcher von einer kleinen Solaranlage auf dem Dach kam. Nicht zuletzt war medizinisches Material wie Verbände recht knapp. Meine Hauptaufgabe bestand in der Versorgung von Patienten, welche Frau Mägalein operierte. Es gab für diese aber nicht immer neue Verbände. Nicht selten wurden diese daher gewaschen und erneut verwendet. Auch ein hartnäckiger Fleck in der Arbeitskleidung wurde schon mal, statt mit Waschmittel, mit der Schere entfernt und einfach "ausgeschnitten".

Das Team im OP. Fotos: Tobias Oechler

Das wäre bei uns unvorstellbar.

Angott: Das stimmt. Die Hygiene war wohl der Aspekt, welcher am konträrsten zu den üblichen Vorgehensweisen in deutschen Krankenhäusern steht. Für uns gilt es bspw. als selbstverständlich, septische Patienten von anderen zu trennen oder in bestimmten Situationen am Patienten oder der Umgebung die Hände gründlich zu desinfizieren. Dies wurde dort nicht einmal im Ansatz so gründlich praktiziert. Das Verständnis für das Thema Hygiene ist dort einfach ganz anders. Nicht selten kam es zu einer Situation wie im Falle eines offenen Verbandes, bei der wir dachten: Ob das gut geht?

Und es ging gut?

Angott: Nach meinen Erfahrungen ja. Wahrscheinlich auch, da aufgrund der Knappheit an Antibiotika von diesen viel weniger verschrieben werden und das Immunsystem eine höhere Abwehrfunktion hat.

Wie würden Sie die Qualität der Versorgung von Patienten insgesamt beschreiben?

Angott: Die Qualität war natürlich lange nicht auf dem Niveau, wie wir es kennen und schon selbstverständlich gewohnt sind. Trotz der genannten Materialknappheit und der teilweise alten Technik waren aber viele grundlegende Sachen vorhanden. So gab es zwar kein CT oder MRT aber ein Röntgengerät. Man nutzte das, was zur Verfügung stand und versuchte, das Beste daraus zu machen. Insgesamt war die Versorgung für dortige Verhältnisse recht gut.

Teilten Patienten diese Sichtweise auch?

Angott: Ja. Wer sich eine Behandlung leisten kann, ist froh über jede professionelle Hilfe. Beschwerden über schlechtes Essen oder volle Zimmer habe ich nicht erlebt. Selbst nicht bei Zimmern, welche sich zehn Patienten und mehr geteilt haben.

Sprachbarrieren sind ja auch bei der Behandlung von Patienten in Deutschland eine größer werdende Herausforderungen. Wie ging es Ihnen damit für zwei Wochen in einem ganz anderen Land?

Angott: Natürlich war die fremde Sprache ein Problem, allerdings fand sich auch hierfür ein Weg. Verständigt wurde sich, wer nicht Englisch oder Suaheli beherrschte, mit Gestiken oder, um es einfach zu sagen, "mit Händen und Füßen".

Abseits von der Ausstattung oder Sprache - welche weiteren Hürden, etwa kulturell oder zwischenmenschlich, gab es?

Angott: Viele Dinge werden dort anders gehandhabt oder haben eine ganz andere Priorität. Das betrifft vor allem die Pünktlichkeit und die allgemeine Fixierung auf feste Zeiten. Bei uns gibt es klare Zeiten für unseren Dienst, für die Tagesstruktur von Patienten, für Behandlungen... Dort ist kaum etwas durchgetaktet oder fest terminiert - auch nicht die Dienstzeiten. Man kommt und geht einfach. Das führt insgesamt zu einer spürbaren Gelassenheit.

Aber sicherlich hat das auch negative Auswirkungen, in erster Linie für die Patienten?

Angott: Teilweise ja, etwa bei den Wartezeiten. Auch bei uns kommt es ja vor, dass trotz fester Zeiten Patienten länger warten müssen. Dort war dies aber viel ausgeprägter. Dennoch waren die Mitarbeiter und Patienten sehr geduldig.

Luftaufnahme der Mission. Fotos: Tobias Oechler

Welche positiven Erfahrungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Angott: Neben der Geduld ist mir vor allem auch die Freundlichkeit der Menschen in Erinnerung geblieben. Wir wurden sofort gut aufgenommen und der Umgang miteinander war sehr gut. Man kochte sogar jeden Tag frisch für uns. Beeindruckt hat mich auch, wie selbstverständlich die Pflege von Kranken durch Angehörige ist.

Hat Ihr Einsatz in Tansania die Perspektive auf die Arbeit hier verändert und wenn ja, in welcher Art?

Angott: Ja, auf jeden Fall. Aufgrund des Mangels an für uns selbstverständlichen Dingen lernt man diese erst wieder richtig zu schätzen - vor allem aus Sicht des Patienten. Wenn wir uns hier über schlechtes Essen im Krankenhaus beklagen, während in vielen anderen Ländern Strom, Wasser und einfachste medizinische Ausstattungen fehlen, macht das schon nachdenklich. Man geht einfach bewusster mit den Dingen um, etwa um Strom zu sparen und ist sich bewusst, wie gut es uns hier eigentlich geht.

Das Interview führten:
Sebastian Braeutigam (Unternehmenskommunikation & Marketing)
Lisa-Marie Godtfring (Auszubildende Kauffrau für Büromanagement, Vorsitzende JAV)

  Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Christiane Keppeler

Leitung Unternehmenskommunikation und Marketing

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